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Natur und Landschaft

1 Kartierungen von Tierarten des Anhangs II der FFH-Richtlinie

1.1 Der Elbebiber - Rückkehr nach etwa 200 Jahren

Anfang Juni 2007 erreichte eine ungewöhnliche Meldung die untere Naturschutzbehörde im Saale-Holzland-Kreis: zwei Biber wurden in der Saale bei Camburg gesichtet.

Erster Elbebiber in Thüringen nach 200 Jahren. (Aufn. S. KLAUS)


Siedlungsgebiet des Elbebibers an der Saale. (Aufn. F. FRITZLAR, A. REISSIG)


Frische und z. T. auch ältere Fraßspuren an Gehölzen, einzelne Kegelschnitte und Ausstiege waren eindeutig dem Biber zuzuordnen. Kurze Zeit später konnte ein Mittelbau gefunden werden, der von mindestens einem Biber bewohnt wurde. Heute gehen wir davon aus, dass die größte Nagetierart Mitteleuropas seit Februar 2007 in Thüringen siedelt.

Mittelbau des Bibers an der Saale. (Aufn. C. GENßLER)


Im Rahmen des vom NABU-Thüringen im Auftrag der TLUG begonnenen Projektes "Willkommen Biber!" erfolgte eine exakte Kartierung der Biberansiedlung im Mittleren Saaletal sowie eine intensive Öffentlichkeitsarbeit, um die Bevölkerung im Ansiedlungsgebiet über die Lebensweise des Bibers zu informieren.
Die Kartierungen zeigten, dass bisher zwei Ansiedlungen an Saale und Lache bestehen und das erste Biberpaar bereits ein Jungtier erfolgreich aufziehen konnte.

Jungbiber im September 2007. (Aufn. S. KLAUS)


Der Gesamtbestand des Elbebibers in Thüringen wird auf derzeit 10 Exemplare geschätzt. Eine größere Biberburg entstand bei Porstendorf, wo auch im Winter 2007/2008 größere Fällaktionen durch den Großnager erfolgten.

Biberburg an der Lache bei Porstendorf. (Aufn. C. GENßLER)


Im Winter durch den Biber gefällte Weiden. (Aufn. C. GENßLER)


1.2 Fischotter - ein unauffälliger Heimkehrer

Im Jahre 1996 wurde in Thüringen erstmalig ein Nachweis des seit ca. 1970 verschollenen Fischotters erbracht. Seitdem wird die Wiederbesiedlung Thüringens beobachtet. Erfassungen im Auftrag der Thüringer Landesanstalt für Umwelt und Geologie und Beobachtungen ehrenamtlicher Naturschutzfachleute zeigen eine positive Bestandsentwicklung. Da die Art im Anhang II der FFH-Richtlinie geführt ist, sind ihre Vorkommen in FFH-Gebieten zu schützen. 2004 hat Thüringen die Erhaltung des Fischotters als Schutzziel für zehn dieser Gebiete gemeldet. Die Art ist zudem auch außerhalb der Natura 2000 Gebiete streng zu schützen.

Fischotter. (Aufn. S. KLAUS)


Seit 2001 wird in Thüringen unter Leitung von Frau MARIA SCHMALZ, Schleusingen, ein "Otter-Netz" genanntes System von Probestellen, die auf die Anwesenheit des Fischotters überwacht werden, aufgebaut. Vorkommen des Fischotters sind mittlerweile aus dem Thüringer Wald, dem Thüringer Schiefergebirge, dem Werragebiet, in Nordthüringen, im Landkreis Greiz sowie im Altenburger Land bekannt.

Nachweise des Fischotters in Thüringen von 1996 bis 2007. (Grafik K. WOLF)
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Im Jahr 2006 konnten in allen diesen Gebieten Nachweise des Fischotters erbracht werden, insgesamt 39. Im Rahmen der systematischen Kartierungen des "Otter-Netzes" gelangen 21 Nachweise, der Rest waren Zufallsfunde oder Nachweise im Rahmen anderer Untersuchungen. Das Untersuchungsgebiet wurde in den letzten Jahren um 30 Brücken erweitert, somit befinden sich inzwischen 140 Brücken im Brückenkataster des "Otter-Netzes".
Bemerkenswert war vor allem der Nachweis einer Fähe mit Jungtieren an der Werra in Meiningen und Walldorf. Auch die Unstrut wird offensichtlich vom Otter genutzt. Dies zeigen Nachweise im Unterlauf des Flusses bei Artern und in der Nähe des Hochwasser-Rückhaltebeckens Straußfurt. Die Helme zählt wie 2005 zu den durch den Fischotter stark frequentierten Bereichen. Im Gebiet der Oberen Saale konnten sichere Vorkommen an der Thüringischen Muschwitz, an der Sormitz und der Wisenta bestätigt werden. Auch das Dreba-Plothener Teichgebiet ist nach wie vor besiedelt.
Der derzeitige Verbreitungsschwerpunkt des Otters in Thüringen liegt im östlichen und südöstlichen Landesteil. Kleinere Vorkommen sind an der Werra/Schleuse und in Nordthüringen angesiedelt. Es besteht jedoch ein beträchtliches Untersuchungsdefizit für andere Bereiche.
Seit dem Erstnachweis im Jahr 1996 wurden insgesamt 92 Otternachweise erfasst. Die Tendenz ist weiterhin steigend und spricht für eine weitere Ausbreitung des Fischotters in Thüringen.
Potenzielle Gefährdungen bestehen in erster Linie durch den Straßenverkehr, Störungen - v. a. durch Wassersport -, Konflikte mit Teichbesitzern und Reusen. Letztgenannte Gefahr sollte ausgehend von den jüngsten Entwicklungen stärker beachtet werden. Beim Einsatz von Reusen, z. B. für die Kontrolle von Fischtreppen, sollten spezielle Otterschutzgitter eingesetzt werden.

1.3 Kleine Hufeisennase - die meisten "Deutschen sind Thüringer"

Über die Hälfte des derzeit in Mitteldeutschland zählbaren Bestandes der Kleinen Hufeisennase lebt im Freistaat Thüringen. Hier befinden sich einige der größten bekannten Wochenstuben- und Winterquartiere Mitteleuropas. Im Rahmen der Umsetzung der FFH-Richtlinie sind fundierte Aussagen zum Zustand der Teilpopulation und den ökologischen Ansprüchen der Art, die im Anhang II der FFH-Richtlinie geführt wird, erforderlich. Thüringen trägt besondere Verantwortung, den Fortbestand der in Deutschland vom Aussterben bedrohten Art zu sichern.

Kleine Hufeisennasen im Winterquartier. (Aufn. A. NÖLLERT)


Noch immer sind in mehreren Naturräumen Thüringens nur Winterquartiere der Kleinen Hufeisennase bekannt. Die Sommerquartiere dieser standorttreuen Fledermausart blieben bislang unentdeckt, obwohl sie in unmittelbarer Nähe zu den Winterquartieren erwartet werden. Ohne genaue Kenntnisse der Sommerquartiere ist kein ausreichender Schutz der Kleinen Hufeisennasen möglich. Die bisher unbekannten Sommerquartiere in Gebäuden unterliegen einer hohen Gefährdung, insbesondere durch Sanierungsmaßnahmen ohne naturschutzfachliche Begleitung. Ein Auffinden dieser Quartiere ist nach dem Artenhilfsprogramm für die Kleine Hufeisennase in Thüringen dringend geboten.

Auf der Grundlage einer Studie "Erfassung von unterirdischen Sommerquartieren der Kleinen Hufeisennase in Thüringen im Rahmen der Umsetzung des Artenhilfsprogrammes", die 2002 von der "Interessengemeinschaft Fledermausschutz und -forschung Thüringen" e. V. im Auftrag der Thüringer Landesanstalt für Umwelt und Geologie erstellt wurde, wurde eine Auswahl von geeigneten Untersuchungsgebieten in Defiziträumen getroffen, in denen die Chancen besonders hoch sind, unweit der im Sommer genutzten Winterquartiere auch Wochenstuben zu finden.

Durch die Methoden der Radio-Telemetrie konnten in den Jahren 2003 bis 2005 im Raum Plaue (Ilm-Kreis), im Raum Saalfeld (Lkrs. Saalfeld-Rudolstadt) und im Schwarzatal (Unterweißbach, Schwarzburg) - beide im Lkrs. Saalfeld-Rudolstadt - mehrere Wochenstubenquartiere innerhalb kurzer Zeit entdeckt werden.

Im Jahr 2006 wurde im Gebiet um Falken an der Werra nach möglichen und bisher noch immer unbekannten Wochenstubenquartieren der Kleinen Hufeisennase gesucht. Es wurden ein junges Männchen und ein adultes Weibchen der Kleinen Hufeisennase an der Kahnhöhle bei Falken gefangen und besendert. Diese Tiere zeigten im Werratal drei bisher unbekannte Quartiere. Eines davon liegt im FFH-Gebiet "Creuzburger Werratal-Hänge" (Nr. 35) in natürlichen Höhlen im Muschelkalk.

Die neuen Erkenntnisse fließen in die Umsetzung des Artenhilfsprogramms Kleine Hufeisennase ein, die punktgenauen Daten werden in das Thüringer Artenerfassungsprogramm (AEP) übernommen. Die weitere Untersuchung der Quartiere muss zeigen, ob es sich bei der unzugänglichen Höhle um ein natürliches Wochenstubenquartier handelt. Die meisten bekannten Quartiere liegen in Gebäuden.

1.4 Nördlicher Kammmolch - ein "Wasserdrachen" in Gefahr?

Der Nördliche Kammmolch ist in den Anhängen II und IV der FFH-Richtlinie aufgeführt. Auf der Roten Liste der Amphibien des Freistaats Thüringen steht er in der Kategorie 3 (gefährdet).

Männchen des Nördlichen Kammmolchs in Wassertracht. (Aufn. A. NÖLLERT)


Aus 64 der 212 thüringischen FFH-Gebiete wurden bislang Vorkommen gemeldet. Zur Aktualisierung dieser z. T. älteren Nachweise und zur Bestandsbewertung erfolgte zwischen 2002 und 2006 die Nachkartierung von 62 FFH-Gebieten, wobei die Art in 35 nachgewiesen wurde. Das besagt allerdings keinesfalls, dass der Nördliche Kammmolch nicht auch in FFH-Gebieten vorkommen kann, in denen er im Rahmen dieser Erfassung aus den unterschiedlichsten Gründen nicht nachgewiesen werden konnte. Ein Beispiel dafür ist das FFH-Gebiet "Großer Ettersberg" (Nr. 45), wo aktuelle Nachweise in der Literatur publiziert sind.
Die Bestandsaufnahme zeigt, dass lediglich in 14 FFH-Gebieten individuenstarke bzw. stabil erscheinende Vorkommen existieren (vgl. Karte u. Tab.).

Vorkommen des Nördlichen Kammmolchs in den Thüringer FFH-Gebieten. (Grafik K. WOLF)
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Nr. Bezeichnung des FFH-Gebietes
10 Westliche Hainleite - Wöbelsburg
22 Dörnaer Platz
43 Fahnersche Höhe - Ballstädter Holz
52 Nessetal - Südlicher Kindel
53 Krahnberg - Kriegberg
56 Steiger - Willroder Forst - Werningslebener Wald
71 Pennewitzer Teiche - Unteres Wohlrosetal
124 Isserstedter Holz - Mühltal - Windknollen
137 Am Schwertstein - Himmelsgrund
141 Restloch Zechau
145 Neustädter Teichgebiet
155 Dreba-Plothener Teichgebiet
166 Ohmgebirge
199 Mittlerer Dün

Thüringer FFH-Gebiete mit individuenstarken bzw. stabil erscheinenden Vorkommen des Nördlichen Kammmolchs.


Einige Ergebnisse der Auswertung der Erfassungsdaten von 2002 bis 2005 (2006 liegt noch nicht vor) sollen beispielhaft kurz vorgestellt werden.
Die nachfolgende Tabelle gibt einen Überblick über die Größenklassen der Gewässer, in denen Kammmolche nachgewiesen wurden. Individuenstarke Vorkommen besiedeln danach hauptsächlich Gewässer ab 100 m². Dieser Befund deckt sich mit publizierten Ergebnissen anderer Untersuchungen, die ebenfalls zeigen, dass die Art vor allem größere Gewässer bevorzugt.

Gewässergrößen-
klassen (m²)
Kammmolchfunde Gesamt
individuen-
schwach
mäßig
individuenreich
individuen-
stark
0 - 10 4 3 - 7
11- 50 8 8 1 17
51 - 100 1 7 1 9
101 - 1.000 10 18 4 32
1.001 - 10.000 5 6 4 15
> 10.000 2 - - 2

Kammmolchvorkommen und Gewässergrößen.


Fische gehören generell zu den wesentlichsten Fressfeinden von Amphibienlarven. Deshalb sind Daten zur Bewirtschaftung bzw. zum Fischbesatz eines Gewässers hinsichtlich der Erhaltung und Förderung von Amphibien- und somit auch Kammmolchvorkommen von Bedeutung. Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über die Bewirtschaftung bzw. den Fischbesatz der Gewässer, in denen Kammmolche nachgewiesen wurden. Fischfreie oder -arme Gewässer werden offensichtlich deutlich bevorzugt. Zwei Intensivgewässer, in denen auch individuenstarke Populationen der Art gefunden wurden, wiesen großflächige und pflanzenreiche Flachwasserbereiche auf, die die Voraussetzung dafür bilden, dass trotz des hohen Fischbesatzes auch das Vorkommen des Nördlichen Kammmolchs möglich sein kann.

Bewirtschaftung Kammmolchfunde Gesamt
individuen-
schwach
mäßig
individuenreich
individuen-
stark
intensiv - - 2 2
extensiv 4 4 1 9
keine
(weitgehend fischfrei)
22 32 7 61
keine
(Fische vorhanden)
3 2 - 5
nicht erkennbar
(wahrscheinlich keine oder nur wenige Fische vorhanden)
1 4 - 5

Kammmolchvorkommen und Gewässerbewirtschaftung/Fischbesatz.


Legt man der Auswertung das jeweils dreistufige Bewertungssystem der EG für Habitatqualität, Zustand der Population und Maß der Beeinträchtigungen zugrunde, so konnten in den Jahren 2002 bis 2005 lediglich 3 FFH-Gebiete als für den Nördlichen Kammmolch optimal eingeschätzt werden: "Krahnberg - Kriegberg" (Nr. 53), "Restloch Zechau" (Nr. 141) und "Dreba-Plothener Teichgebiet" (Nr. 155).

Im Jahr 2007 wurde die Erfassung des Nördlichen Kammmolchs mit der Untersuchung der FFH-Gebiete "Wiesen im Grabfeld" (Nr. 220) sowie "Grenzstreifen am Galgenberg - Milzgrund - Warthügel" (Nr. 241) zunächst abgeschlossen.

1.5 Helm-Azurjungfer - ein seltener "fliegender Edelstein"

Die Helm-Azurjungfer ist eine Libellenart, die saubere Gräben in den Flussniederungen Nord- und Mittelthüringens bewohnt.

Verbreitung der Helm-Azurjungfer im Freistaat Thüringen. (Grafik K. WOLF)
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Mit Bayern und Baden-Württemberg besitzt Thüringen die bedeutendsten Bestände der Art in Deutschland. 135 Einzelvorkommen wurden zwischen 1999 und 2001 erfasst. Ein Artenhilfsprogramm führt für jedes der Vorkommen die notwendigen Pflegemaßnahmen auf. Die wichtigsten Vorkommenskomplexe sind in FFH-Gebieten geschützt. Seit 1999 erfolgt eine Bestandsüberwachung ausgewählter Einzelvorkommen. Da bereits Verluste festgestellt wurden, sind weitere notwendige Entwicklungsmaßnahmen aufgezeigt worden.

1.6 Schmetterlinge der FFH-Richtlinie - Schutz für ""bunte Wiesenvögelchen"

Spanische Flagge, Hecken-Wollafter, Goldener Scheckenfalter, Dunkler und Heller Wiesenknopf-Ameisenbläuling sind die Thüringer Schmetterlingsarten, für die besondere FFH-Schutzgebiete ausgewiesen worden sind. Dies erfolgte im Wesentlichen auf Basis von Kartierungsergebnissen aus den 1990er-Jahren.

Spanische Flagge. (Aufn. F. JULICH)


Goldener Scheckenfalter. (Aufn. F. JULICH)


Nachweise des Goldenen Scheckenfalters in Thüringen von 1991 bis 2002. (Grafik K. WOLF)
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Um die aktuelle Situation in den Schutzgebieten zu erfassen und eine schutzkonforme Behandlung der Gebiete zu ermöglichen, werden seit 2003 Habitat- und Populationsanalysen durchgeführt. 2005 wurde die aktuelle Überprüfung der bekannten Vorkommen abgeschlossen. Kenntnisdefizite verbleiben besonders in großflächigen Gebieten und in Gebieten mit neu entdeckten Vorkommen.
Es gibt gravierende Probleme beim Schutz der beiden Ameisenbläulinge, weil die Mahd vieler Habitatflächen, selbst in Schutzgebieten, zum falschen Zeitpunkt erfolgt.